An die Zuhause gebliebenen
Warum läuft man den Jakobsweg? Warum laufe ich den Jakobsweg?
Angefangen hat es vor etwa 15 Jahren. Ob es jetzt Hape Kerkelings Buch war,
Oder Erzählungen von Anderen, kann ich heute nicht mehr sagen. Jedenfalls wollte ich es probieren, und zwar mit geringstem Risiko. Und so habe ich mich für den Weg
Von Schrobenhausen nach Lindau am Bodensee entschieden. Sollte irgend etwas sein, Blasen an den Füßen, sonstige Probleme mit dem Bewegungsapparats, oder gar Heimweh, so konnte ich jederzeit zuhause anrufen, und innerhalb von drei Stunden könnte mich jemand abholen.
Ich ging im Winter mit schwerem Gepäck, Zelt, Isomatte, Schlafsack, Reisegitarre
Und es war anstrengend. Den ersten Tag bin ich von Schrobenhausen nach Haunswies gelaufen, ca 33 Km, viel zu viel. Ich habe bei einem Freund übernachtet.
Und am nächsten Tag konnte ich kaum noch laufen. Glücklicherweise hatte ich Wanderstöcke dabei und damit habe ich mich buchstäblich auf allen Vieren weiterbewegt.
Nächste Übernachtung in einer Jugendherberge in Augsburg.
Der Muskelkater wurde langsam weniger und ab dem vierten Tag bin ich wieder halbwegs normal gelaufen. Bis Weitnau im Allgäu bin ich gekommen. Dann kam der Winter mit viel Schnee und ich war gezwungen, zwei Tagesetappen vor Lindau aufzugeben.
Im Jahr drauf machte ich wieder eine Winterwanderung, diesmal Richtung Passau an der Donau entlang, mein wahrscheinlich beruhigendster Urlaub überhaupt.
Danach war ich wieder mit Radwanderung und Zelt Richtung Frankreich unterwegs.
Da wurde dann die Idee geboren einfach mit dem Fahrrad nach Santiago zu fahren.
Erste Etappe von Oberbernbach nach Lyon, das war im ersten Corona-Herbst, zweite Etappe von Straßburg nach Toulouse ein Jahr drauf und letzten Herbst von Toulouse
Bis nach Santiago. Dann hatte ich mein Ziel erreicht, aber zu schnell, wie ich herausgefunden habe. Mit dem Fahrrad hat man kaum ein Gefühl für den Weg, man fährt an allem Sehenswerten vorbei. Und so kam ich auf die Idee, es einfach noch mal zu Fuß zu machen.
Ich überlegte mir, ob ich mit leichtem Gepäck gehen sollte, also eine zweite Anziehgarnitur dabei, einen leichten Hüttenschlafsack, Waschzeug, usw.
Das hätte bedeutet, daß ich mir jeden Tag eine Herberge suchen hätte müssen,
Gegebenenfalls auch vorher schon alles zu organisieren.
Die andere Möglichkeit, mit schwerem Gepäck, allerdings auf dem Wanderwagen, wo ich wieder mit Zelt, Kochzeug, Musikinstrument usw. unterwegs sein sollte.
Für die letztere Möglichkeit habe ich mich entschieden. Damit ich ich einesteils unabhängiger, mit weniger Organisation im Vorhinein belastet, allerdings auch mit dem Nachteil, daß ich Fußwege manchmal nicht gehen kann, und mich hauptsächlich an das Radwegenetz halte.
Ein Freund hat mich gefragt: Vor was läufst du davon? Nach kurzen Zögern sagte ich: Ich laufe nicht vor etwas davon, ich laufe der Welt entgegen. Das Zögern hatte allerdings einen Grund. Es gab Zeiten, da wäre ich am liebsten davongelaufen, vor Angst, vor der Verantwortung ... Natürlich hat das keinen Sinn und habe mich dann auch der Angst, der Verantwortung ... gestellt. Heute habe ich keinen Grund mehr, davonzulaufen. Ich fühle mich gut und habe Lust auf ein Abenteuer.
Aber was bedeutet schon Abenteuer? Wenn die Leute im Mittelalter gepilgert sind, war das richtiges Abenteuer, und gefährlich. Manch einer ist von seinem Abenteuer nicht zurück gekommen, und wenn, dann auch selbstverständlich zu Fuß.
Heute setzt man sich für den Rückweg in den Flieger, Flixbus, oder Zug.
Überfälle gibt es praktisch nicht mehr, früher war das normal. Und ohne Komoot, Google Maps, usw war der Weg wohl auch nicht so leicht zu finden. Regenponcho, Goretexjacke, Funktionsunterwäsche, Fehlanzeige.
Heute kann man sich einen Shuttle Service bestellen, dann wird das Gepäck zur nächsten Übernachtung gefahren, damit wird anstrengendes Pilgern nahezu zum Sonntagsspaziergang. Das gilt besonders für die letzten 100 km, die von sehr vielen
Pilgern gern gegangen werden, weil es ab dieser Entfernung eine Urkunde gibt, die Compostelle. Da sind viele scharf drauf, ich nicht.
Tja, warum jetzt pilgern? Das Laufen ist die natürlichste Fortbewegung des Menschen. Beim laufen verschwindet jegliche Eile, Stress gibt es nicht. Man läuft nicht eben schnell mal noch da oder dort hin. Man kommt auch durch einige Städte,
Aber vor allem kommt man dich sehr viel Natur. Ich liebe das Schlafen im Zelt in der Natur, im Wald. Den kalten Bach, an dem man sich morgens die Müdigkeit aus dem Gesicht wäscht und sich untertags die Füße runterkühlt.
Man kann auch in Herbergen nächtigen. Dafür gewöhne man sich am Besten Das Schlafen mit Ohrenstöpseln an. Denn in der Herberge hustet immer einer, einer schnarcht immer, einer steht immer in der Nacht auf zum bisln. Aber keine Angst, nach 20 - 30 km pilgern am Tag ist man meist so platt, daß man meistens nichts mehr hört und sieht
Ein Bißchen Flucht ist es doch. Aus dem Alltag, aus der Realität, aus dem Hamsterrad. Nur noch drei Dinge sind wichtig im Leben:
Das Laufen, das Finden von Nahrung, das Finden eines Schlafplatzes.
Alles andere wird zur Nebensache.
Noch eins, was macht man beim Laufen, was denkt man? Ich denke an alles Mögliche, freue mich über die schöne Landschaft und ich singe, bzw ich lerne meine Musiktexte auswendig, da hab ich Zeit.
Der Notnagl
Ist ned wie beim ZDF, i Sitz ned in der ersten Reih‘
I bin immer mehr hinten dran, auf Platz zwo und drei
I bin ned vorn, man kennt mich ned, steh an der Seitn dran.
I hab koan Namen und koa G‘sicht und auch keinen Rang
Refrain:
Doch wenn Oana ausfoin duat, verlasst ma sich auf mi
Nur wenns gar ned anders geht, ja dann, dann muß i hi
I bin der Notnagl, mit dem man nur zur Not nagelt,
Ned as erste Mal, bin ich nur die zweite Wahl
Doch ich kann drüber lachen, was soll ich sonst auch machen,
Denn immerhin und gut, komm ich damit auch zum Zug
Zweiter Klassensprecher, Vizepräsident,
Fünfter Mann beim Schafkopfa den man Brunzkarter nennt.
Stellvertretender Vertreter auf der Wartelist,
Nachrücker im Parlament, denn keiner vermißt
Doch wenn Oana ....
Guns‘n‘Roses, ACDC kenan heit net spuin
Whitney Housten hot an Husten, ABBA san zer‘strittn
Metallica und Iron Maiden wern koan Flieger kriang
Karel Gott und Udo Jürgens tun auf‘m Friedhof liegn
Doch wenn oana ....
So singe ich mich durch den Weg
Buen Camino
Angekommen auf dem Weg
Paolo Coelho wurde am Anfang seines Jakobswegs drei Tage im Kreis herum geführt, damit er sich ans Pilgern gewöhnt. Ich bin zwar nicht im Kreis gegangen, aber es hat auch bei mir gedauert, bis ich mich ans Pilgern gewöhnt habe. Zum Ersten waren da noch die Termine, die ich natürlich gern gemacht hab, aber mich irgendwie auch festgehalten haben, ganz auf den Weg zu kommen. Es war auch sehr schön, zuerst in Deutschland, ich wurde überall liebenswürdig empfangen.
Sei es zu Beginn, bei Karl und Maria, Caro und Fritz, bei Konrad in Waldberg, Bärbel und Sepp in Holzgünz sowie Thomas in Lindau. Später dann in der Schweiz bei José, Stefan und Katja, Ben und den Braumeistern in Solothurn, doch dann war ich auf dem Weg.
Schon am Morgen bevor ich in Solothurn angekommen bin, hat es angefangen.
Von meinem Zeltplatz am Waldrand ging ich morgens runter zur Tankstelle, um auf meinen morgendliche Toilette zu gehen und eine Tasse heiße Schokolade zu trinken.
7 Uhr morgens. Ich sitze auf meinem Hocker am Tisch und fühle mich wie in einer anderen Welt. Das Gewusel an der Tankstelle, Einkaufen, Tanken, die Hast war zu spüren, nur ich war nicht dabei. Ein Zuschauer am Rande, auf einer Tribüne, keiner beachtet mich. Ein morgendliches Theaterstück, das extra für mich aufgeführt wurde, da wußte ich , ich bin weg. Ich gehöre da nicht (mehr) dazu.
Die Rückfahrt vom Bodensee nach Hause hat mich etwas zurückgeworfen. Es war allerdings nötig gewesen, weil mir in der fast zweiwöchigen „Probewanderung“ bis zum Bodensee noch einiges aufgefallen ist, was zu ändern war.
Der Antrieb meines Pilgerwagens hatte ein Kabelproblem, die Stützräder hatten ein mechanisches Problem, mit dem neuen iPhone fühle ich mich auch besser und auch der neue zusätzliche Akku für meinen Wanderwagen gibt mir etwas zusätzliche Sicherheit, auch wenn ich ihn bisher noch nicht gebraucht habe. Durch die Rückreise wurde die Kontinuität gestört. Jetzt gibt es kein zurück mehr, ausser die Reise ist beendet.
Über einen nicht ganz unwesentlichen Punkt der Reise möchte ich noch sprechen:
Der Weg. Und zwar als Solcher, die Straße, der Gehweg, der Randstreifen der Fahrbahn, der Trampelpfad.
Es war schon so, wie ursprünglich angenommen, dass ich mit meinem Pilgerwagen keine Wanderwege, Steige, Trampelpfade nehmen kann und ich mich hauptsächlich auf Fahrradwege bewegen werde. Diese gibt es aber oft nicht und ich muß auf Straßen, manchmal auch Hauptverkehrsstraßen gehen. Das ist mitunter nicht lustig, wenn nicht mal Fahrradstreifen, geschweige denn Fußgängerwege vorhanden sind. Manchmal gibt es Ausweichstrecken, Nebenstrecken, die meist länger und mit mehreren Höhenmeter sind, meistens aber bleibt nichts als direkt auf der Straße.
Das ist mir schon öfter aufgefallen, dass da z. T. Neue Straßen gebaut werden, wo Kurven entschärft und Berge abgeflacht, Brücken gebaut oder auch Tunnels gegraben werden. die Fahrradwege daneben führen weiterhin über Berg und Tal, nichts abgeflacht, entschärft. Meistens sind es noch gleichzeitig die Anwandwege der Bauern, so daß auch noch viel Dreck drauf liegt. Das heißt, die die eh von alleine fahren, für die wird alles gemacht, für die, die sich rauf und runter plagen müssen, nahezu gar nichts. Die können froh sein, wenn sie einen eigenen Weg haben.
In den Bergen gibt es für Fußgänger und Fahrradfahrer meistens gar nichts, klar, die Verhältnisse sind beengt. Auch durch Tunnel bin ich schon gegangen, wo kein extra Weg für mich war. Und da gibt es meist auch keine Alternativen zu gehen. Es gibt nur diese eine Straße über den Pass. Der Brünigpass, zum Beispiel, da führt nur eine Straße hoch und eine runter. Den ersten Teil bin ich gelaufen, dauernd mit Blick auf die Autos, LKWs, Gegenverkehr, den zweiten Teil hab ich die Eisenbahn genommen, weil es mir einfach zu gefährlich war. Runter fuhr die Bahn in eine andere Richtung, so daß ich gelaufen bin, immer unter nervlicher Anspannung.
Normalerweise gehe ich auf der linken Seite der Straße um das mir Näher kommende Auto besser im Blick zu haben, ausser vor Linkskurven und Kuppen, weil ich da als Fußgänger natürlich „plötzlich“ vor dem Auto oder LKW auftauche, also Seitenwechsel, was auch nicht immer einfach ist. Auf Brücken ist es meist besonders eng, da heißt es Arsch zusammenkneifen und auch schon mal eine Lücke im Verkehrsfluß im Laufschritt ausnutzen. Ich wunder mich auch nicht, wenn mir der ein oder andere Autofahrer den Vogel zeigt, mich ungläubig anschaut oder hupt. Ich verstehe das, aber ich kann die Situation einfach nicht ändern.
Wenn die Autos gegen die Sonne fahren, auf meinem Weg meistens am Morgen, fühle ich mich in Gefahr.
Fazit: Es ist mein Weg und dafür habe ich mich entschieden, auch wenn mir manche Dinge bei der Entscheidungsfindung nicht so bewußt waren. Manches ist gut mit dem Wagen, z.B. Immer ausreichend Wasser und Nahrungsmittel dabei, ja, auch Bier habe ich immer. Meine Gitarre benutze ich öfter und bin froh, dass ich sie dabei habe. Auch liebe ich meine Liegeunterlage und meinen überdimensionierten Schlafsack, der eigentlich für Winter gedacht ist. Normalerweise bin ich ja zu so Zeiten unterwegs, wo er durchaus sinnvoll ist. Jetzt im Sommer definitiv nicht.
Da ich in dieser Etappe den Weg nicht zu Ende gehe, überlege ich mir, mein Equipment noch mal auszusortieren, um vielleicht doch mit einem Rucksack den Weg zu Ende zu gehen. Viele schöne Wege kann ich einfach nicht gehen, weil sie mit dem Wagen nicht möglich sind. Vielleicht lerne ich auch noch Ukulele.
Für andere, die so einen Weg planen, würde ich auch empfehlen,mit Rucksack zu gehen. es gibt mittlerweile ganz leichte Einmannzelte, die mit Stöcken aufgebaut werden, die wiegen 600 g, auch Schlafsäcke gibt es ganz leichte und mit der Isomatte muß man halt auch mal Kompromisse machen, bzw öfter in eine Herberge gehen, was speziell in Spanien sehr leicht ist und auch nicht zu teuer.